Gute Ideen gibt es viele. Aber wer bekommt sie überhaupt noch mit? Zwischen Social-Media-Feeds, Podcasts, Newslettern und KI-generierten Inhalten wird Aufmerksamkeit zu einem immer knapperen Gut. Wie schafft man es, mit der eigenen kreativen Arbeit sichtbar zu werden, ohne ständig lauter werden zu müssen?
Darüber spricht die Leipziger Journalistin und Autorin Greta Taubert in der ersten Folge unseres neuen Podcasts „Und davon kannst du leben?“ mit Christian Bollert, Mitgründer und Geschäftsführer des Leipziger Podcast-Radios detektor.fm.
Von einer schlechten Idee zum erfolgreichen Geschäftsmodell
Als Christian Bollert 2009 gemeinsam mit seinen Mitstreitern in Leipzig das Podcast-Radio detektor.fm gründete, klang das, wie es Greta Taubert im Gespräch formuliert, „damals eigentlich wie eine richtig schlechte Idee“. Schließlich wussten zu dieser Zeit viele Menschen noch gar nicht, was ein Podcast überhaupt ist. Heute gehört detektor.fm zu den etablierten Podcast-Anbietern in Deutschland.
Er kennt somit das Geschäft mit der Aufmerksamkeit aus zwei Perspektiven: als Journalist, der Menschen mit guten Geschichten erreichen will, und als Unternehmer, der daraus ein wirtschaftlich tragfähiges Medienangebot entwickeln muss.
Im Gespräch mit Greta Taubert geht es um erfolgreiche Nischen, gescheiterte Formate, überraschende Kooperationen und die Frage, warum es sich manchmal lohnt, gerade nicht dem nächsten großen Trend hinterherzulaufen. Einen Auszug aus dem Interview haben wir hier für euch zusammengestellt.
Einen Auszug aus dem Gespräch haben wir hier für euch zusammengestellt.
Muss man immer krasser werden, um aufzufallen? – Christian Bollert im Gespräch
Greta Taubert: Als ihr angefangen habt, gab es wirklich ganz wenige Podcasts überall. […] Hast du das Gefühl, dass es heute deutlich schwieriger ist, auf diesem Jahrmarkt der Eitelkeiten irgendwo durchzustoßen?
Christian Bollert: Ja, auf jeden Fall. Es war deutlich leichter, vor beispielsweise zehn Jahren auf Platz eins der Charts bei Spotify oder […] bei Apple zu landen. Das ist heute anders, weil da teilweise viel größere Budgets dahinterstecken. Und dieser Indie-Charakter, den das ganze Podcasting hatte, so bis 2017, würde ich sagen, der ist ein bisschen verloren gegangen. […]
Heute braucht man einfach viel mehr Aufmerksamkeit, aber am Ende wahrscheinlich auch Geld und Namen und Reichweite, um überhaupt gesehen zu werden. Ich glaube, das ist ein bisschen wie in vielen anderen Kreativmärkten auch. Das ist in der Musikindustrie nicht anders und beispielsweise in der Literatur auch nicht.
Greta Taubert: Wir haben vorhin darüber gesprochen, dass die Ökonomie der Aufmerksamkeit eben ein Markt ist, der gerade wahnsinnig proppenvoll ist. Muss man eigentlich immer krasser werden, um aufzufallen?
Christian Bollert: Ich hoffe nicht. Ich glaube, das muss man auch so offen sagen: Es ist eine Möglichkeit. Man kann natürlich sehr laut durch die Gegend gehen und der Lautsprecher sein oder die Lautsprecherin. Das ist nicht unser Weg. […] Wir sind immer eher die gewesen, die versucht haben, mit Qualität und Exzellenz auf Dauer zu bestechen. […]
Ich glaube, das ist auch eine Stärke von Podcasts, dass das schnelle, laute Lautsprecherding auch da funktioniert, ohne Frage. Es gibt auch Podcasts, die sofort nach oben schnellen und alle sagen: Wow, das ist jetzt irgendwie ein Top Ten. Und dann aber ein halbes Jahr später interessiert es keine Sau mehr.
Das Medium Podcast hat, glaube ich, diese große Qualität, dass sich auf lange Sicht auch qualitativ hochwertige Formate immer wieder durchsetzen. Podcasts allgemein sind ja auch so ein bisschen eine Antithese zu diesem immer schneller, immer lauter, immer TikTokiger, immer kürzer. Weil die Leute dankenswerterweise auch mal eine halbe Stunde zuhören oder eine Stunde oder auch fünf Stunden.
Greta Taubert: Guckt ihr heute auch noch so, wenn ihr einen Kooperationspartner sucht? Oder würdest du empfehlen, dass man sagt: Such dir jemanden mit dem gleichen Vibe?
Christian Bollert: Ich bin ein Riesenfreund – auch das klingt so abgedroschen – von Netzwerken und von Zusammenarbeiten und Kooperationen. Weil ich glaube, dass wir, egal in welchem Bereich man unterwegs ist, nur stark sein können, wenn wir gemeinsam und zusammen und kooperativ arbeiten. […]
Tatsächlich würde ich vielen Leuten dazu raten, nicht immer alles alleine zu machen, sondern wirklich in den Austausch zu gehen und zu überlegen: Mit wem könnte ich mich zusammentun, um stärker zu sein, um sichtbarer zu sein, um mehr Aufmerksamkeit zu gewinnen? Und wer ist auch ein sinnvoller Partner? Wer bringt was mit, was ich vielleicht einfach nicht habe?
Greta Taubert: […] Sollte man, wenn man jetzt noch der Underdog ist oder gerade versucht, Aufmerksamkeit zu bekommen, sich an einen möglichst großen, reichweitenstarken Partner wenden? Oder gerät man da vielleicht unter die Räder? […] Wie finde ich heraus, wer dieser passende Partner ist?
Christian Bollert: Wahrscheinlich beides. Ich glaube, bei uns und bei mir sehr konkret war schon immer der Gedanke: Was kann langfristig das nachhaltigste Modell sein? Nicht der kurzfristige Erfolg, sondern was kann auch in zehn Jahren noch funktionieren? […]
Oft ist es für uns so gewesen, dass wir erst mal mit anderen unabhängigen Kleinen was gemacht haben und gesagt haben: Wir schließen uns da mal zusammen und gucken, können wir nicht zusammen fast schon so groß sein wie die anderen? […]
Das ist für mich so der Kern: langfristig erfolgreich zu sein und nicht auf den schnellen Erfolg zu setzen, sondern wirklich zu sagen, was kann ich auf lange Strecke durchhalten?
Greta Taubert: Ich würde jetzt gerne von dir natürlich noch den ultimativen Trick wissen, das Werkzeug, das ich brauche, den Rat, mit dem ich als kreative Person, aber vielleicht auch das Podcast-Projekt insgesamt nach vorne starten kann. Was hast du in deinen letzten 20 Jahren gelernt, das du jetzt hier an uns weitergeben kannst?
Christian Bollert: Ich habe gar nicht so den perfekten Tipp. Ich bin auch immer so ein bisschen skeptisch, wenn Leute sagen: Das ist die eine Sache und dann funktioniert es irgendwie.
Ich habe aber über die Jahre gelernt, dass es eine Sache gibt, die mir persönlich extrem geholfen hat und an der ich persönlich gewachsen bin. […] Ich habe die größten Erkenntnisgewinne immer gehabt, wenn ich mit Leuten in einem Eins-zu-eins-Gespräch gesprochen habe, die ein ernsthaftes Interesse an diesem Thema oder an mir hatten und die mir Fragen gestellt haben oder denen ich Fragen gestellt habe. Weil da kommen dann Dinge auf. Bei mir war das zum Beispiel das ganze Thema ostdeutsche Identität, aber auch sowas wie Unternehmertum. […]
Wenn man irgendwie die Chance hat, mit spannenden, inspirierenden Menschen in echten Austausch zu kommen, so wie wir heute, ist das für mich immer ein Mehrwert. Ich bin da noch nie rausgegangen und habe nicht irgendwas mitgenommen oder gelernt oder eine Idee oder eine Inspiration bekommen.
Das wäre vielleicht mein Tipp: Das aktiv zu machen und sich diese Leute auch zu suchen und vielleicht auch einzufordern und zu sagen: Ich brauche dich mal. Ich brauche von dir mal ein Feedback zu meiner neuen Podcast-Idee, zu meinem neuen Newsletter oder zu irgendeiner anderen Kreativwirtschaftsidee.
Jetzt reinhören: „Und davon kannst du leben?“
Warum sind manche Podcasts erfolgreich und andere nicht? Was können Kreativschaffende von der Medienbranche lernen? Und wie wird aus Aufmerksamkeit langfristig auch wirtschaftlicher Erfolg?
Das ganze Gespräch mit Christian Bollert hört ihr ab sofort in der ersten Folge von „Und davon kannst du leben? – Der Podcast über kreatives Arbeiten“.
Ihr findet uns überall, wo es Podcasts gibt, unter anderem auf Spotify, Apple Podcasts, Deezer und Podigee. Neue Folgen erscheinen jeden dritten Mittwoch im Monat.
Wir freuen uns, wenn ihr reinhört, den Podcast abonniert und weiterempfehlt. Denn auch wir stehen mit unserem neuen Format vor genau derselben Frage: Wie werden wir überhaupt gesehen – und vor allem gehört?
„Und davon kannst du leben? – Der Podcast über kreatives Arbeiten“ ist ein Format von KREATIVES SACHSEN.







