Aufgrund der aktuell schwierigen Lage der Veranstaltungswirtschaft durch die Folgen der Corona-Pandemie und der Auswirkungen des Krieges in der Ukraine veröffentlicht KREATIVES SACHSEN eine fachliche Stellungnahme, um eben jene Herausforderungen der Branche gegenüber Politik und Verwaltung aufzuzeigen.

FACHLICHE STELLUNGNAHME ZUR AKTUELLEN LAGE IN DER SÄCHSISCHEN MUSIKWIRTSCHAFT

Ein Aufatmen in den (Live-)Musikspielstätten und Festivals gibt es trotz des Wegfalls der meisten Corona-Beschränkungen leider nicht. Die Veranstaltungsbranche erlebt aktuell weiterhin schwierige Zeiten. Es ist eine toxische Mischung, die Veranstalter:innen hier das Leben schwer macht: Großer Personalmangel auf allen Positionen, Inflation sowie immens steigende Kosten für Material, Dienstleistungen und Unterhalt gepaart mit schlecht laufenden Vorverkäufen und schwach besuchten Veranstaltungen, die wiederum die genannten Mehr-Ausgaben kaum decken. Dafür verantwortlich sind sowohl die Folgen der Corona-Pandemie als auch die Auswirkungen des Krieges in der Ukraine.

Viele gut ausgebildete Fachkräfte und Spezialist:innen waren in der Zeit der Corona-Pandemie durch Einnahmeverluste gezwungen, in andere, weniger betroffene Branchen abzuwandern. Oft arbeiten beispielsweise Stagehands und Techniker:innen für Licht und Ton als Solo-Selbstständige und wurden aufgrund ihres unregelmäßigen Einkommens und ihrer nicht gebundenen Arbeitsweise bei den Corona-Hilfen nur selten ausreichend berücksichtigt. Um ihren Lebensunterhalt trotz alledem weiter bestreiten zu können, orientierten sich viele um und wechselten zum Beispiel in Angestelltenverhältnisse in der Industrie, im Baugewerbe oder anderen Branchen. Und das, wo Sachsen doch generell im oberen Mittelfeld (lt. Studie “Zähl dazu” Platz 7/16, Unternehmen mit einem Umsatz über 22.000 Euro) als Arbeitgeber in der Veranstaltungswirtschaft spielte.

Jetzt, wo Veranstaltungen wieder stattfinden können, und die Kalender aufgrund der Nachholtermine so voll wie nie sind, kehrt dieses Personal jedoch nicht vollständig zurück. Die Perspektive auf den kommenden Herbst und Winter ist noch zu unsicher, die Vorteile in den neuen Anstellungsverhältnissen überwiegen. Pauschalkräfte, die vor der Pandemie in (Live-)Musikspielstätten, auf Festivals und bei anderen Veranstaltungen vielfältig und in aller Regel zum Einsatz kamen, mussten sich ebenfalls neue Jobs suchen und fehlen nun gleichermaßen.

Ein Beispiel dafür ist die Absage des PULS Open Air 2022, welches aufgrund von Personalmangel beim Sicherheitspersonal abgebrochen werden musste. Auch beim Wacken Open Air 2022 wirken sich die Gegebenheiten auf den Ablauf des Festivals aus: Drei große Bands, die bereits angekündigt wurden, mussten aus genannten Gründen ihre Teilnahme absagen. Auch beim Leipzig Pop Fest 2022 musste 50% des Line Ups aufgrund von Personalmangel und schleppendem Vorverkauf gestrichen werden.

Laut Jens Michow, Präsident des Bundesverbandes der Konzert und Veranstaltungswirtschaft, fehlen der Branche 1,1 Millionen Fachkräfte. „Das sind keine Personen, die man mal so einfach ersetzen kann. Das sind wirklich Fachkräfte, die ihren Job gelernt haben. Und wie wir das kompensieren können – auch mittelfristig – ist noch ein großes Rätsel”, führt Michow im Gespräch mit dem Bayerischen Rundfunk aus.

Der Verband Deutscher Event- und Sicherheitsdienstleister wies ebenfalls eindringlich auf die schwierige Lage der Veranstaltungswirtschaft hin. In einem Brandbrief skizziert er unter anderem die massiven Auswirkungen auf die gesamte Musikbranche, nicht zuletzt auf die Musiker:innen und Künstler:innen selbst: Da diese sich zum Großteil über ihre Live-Auftritte und Konzerte finanzieren, droht den Musikschaffenden ein Verdienstausfall, wenn Veranstaltungen aufgrund des Personalmangels abgesagt werden müssen.

Die Auswirkungen des Krieges in der Ukraine machen auch vor der Musik- und Veranstaltungsbranche nicht halt. Betriebskosten steigen, Dienstleistungen, Technik und Material haben sich teilweise im Preis verdoppelt. Auch in der Logistik gibt es Probleme: Bestelltes Material und Technik kann teils gar nicht oder nur verspätet geliefert werden.
Mit dem Anstieg des Mindestlohns müssen Kulturschaffende auch bei den Personalkosten demnächst mit mehr Personal, was derzeit wiederum äußerst schwer zu rekrutieren ist, planen, da Pauschalkräfte aufgrund der höheren Stundenlöhne weniger Dienste und Schichten pro Monat annehmen können.
Nach zwei Jahren (größtenteils) ohne Veranstaltungen, der fehlenden Perspektive, mit Kurzarbeit-Regelung in einigen Betrieben und ohne Einnahmen, schlagen all diese Kostensteigerungen besonders zu Buche. Hinzu kommt, dass viele Ticketkäufer:innen noch Karten aus dem Jahr 2020 haben, welche aber nicht mit den aktuellen Ausgaben der Veranstalter:innen kalkuliert wurden und die daraus generierten Einnahmen kaum die gestiegenen Kosten decken können.
Aktuelle Ticketvorverkäufe laufen an vielen Stellen schleppend und gerade bei mittleren und kleinen Veranstaltungen. Dies bemängelt auch der Künstler Rocko Schamoni jüngst in seiner Kolumne beim Rolling Stone Magazin. Die Gründe des Fernbleibens der Gäste sind vielfältig: Tendenziell sind viele Menschen noch vorsichtig, haben Angst, sich währenddessen mit Corona anzustecken oder unmittelbar davor und somit nicht zur Veranstaltung gehen zu können, oder sie befürchten, dass die Veranstaltung im letzten Moment doch abgesagt werden könnte. Zudem sind die Kosten für den eigenen Lebensunterhalt gestiegen, sodass vermehrt auf Extra-Ausgaben geachtet und eher spontan entschieden als langfristig geplant wird.

Auch die Kuration des Programms ist erschwert, da viele Konzerte und Veranstaltungen aus den letzten Jahren noch nachgeholt werden müssen, die Kalender durch die Regelzeit von sechs Monaten Booking-Vorlauf aber bereits voll sind. Die Folge: Zum Einen haben Besucher so durchaus Doppelbuchungen an bestimmten Terminen, zum Anderen erschwert es die Kuration, wenn auf Genre-Vielfalt innerhalb des Programms geachtet werden will. Viel Spielraum für eine Ausgewogenheit, auch im wirtschaftlichen Sinne, dass sich Zielgruppen nicht allzu sehr in den entsprechenden Wochen doppeln und überschneiden, bleibt so nicht.

Des Weiteren führt der zwangsläufige Anstieg der Ticketpreise, resultierend aus den höheren Durchführungs- und Betriebskosten, auch zu Frust bei den Gästen. Sie können sich diesen teils nur bedingt leisten, da sie selbst auch mit der Inflation zu kämpfen haben. Der Unmut könnte für eine Spaltung der Gesellschaft sorgen: Kultur darf kein Luxusgut werden.

In einem Interview äußerte sich der Programmkoordinator der Leipziger Moritzbastei, Torsten Reitler, so: “Durch Veränderungen, die alle betreffen, wie die Pandemiefolgen, Inflation und steigende Energiekosten, müssen wir uns neu anpassen. Auch die Themen Personalmangel und Nachhaltigkeit sind Herausforderungen, die sich für uns herauskristallisieren. Wir hoffen, dass sich das nicht im Programm niederschlägt und wir nur noch Sachen machen können, die wirtschaftlich erfolgreich sind.“ Durch die Ressourcenabhängigkeit in allerlei Hinsicht wird sich die Branche zwangsläufig verändern müssen. Es besteht die Sorge, dass künftig insgesamt weniger Veranstaltungen stattfinden können, um Kosten zu sparen. Wenn dabei die Wirtschaftlichkeit im Vordergrund steht, leidet die kulturelle Vielfalt und kleinere Künstler:innen sowie Bands werden kaum noch zum Zuge kommen.

Der Blick in die Zukunft ist für viele Veranstalter:innen und Spielstättenbetreiber:innen zum aktuellen Zeitpunkt von großer Unsicherheit geprägt. Keiner kann vorhersagen, wie sich die Situation in der Corona-Pandemie in den Herbst- und Wintermonaten entwickelt. Es drohen erneute Schließungen, sollten die Infektionszahlen wieder stark ansteigen. Somit ist die Planung für (Live-)Musikspielstätten erneut sehr unsicher. Aktuell fehlen konkrete Perspektiven und Maßnahmen, wie diesem Umstand begegnet werden kann. Dazu äußerte sich auch der Bundesverband LIVEKOMM jüngst in einer Pressemitteilung zur Corona-Teststrategie, um einen Betrieb auch im Winter aufrecht erhalten zu können. Auch der anhaltende Krieg in der Ukraine wird voraussichtlich weiter zu steigenden Kosten führen. Planungen über den Sommer hinweg fallen der Branche in dieser Gemengelage schwer, da der Vorlauf in der Regel ein halbes Jahr beträgt, um alle musikalischen Bookings und somit das Programm wirtschaftlich rentabel und kulturell ausgewogen planen zu können.

Weitere Ausführungen, auch mit Blick auf alle Teilmärkte, finden sich in dem parallel verfassten Forderungspapier des Landesverbandes der Kultur- und Kreativwirtschaft Sachsen e.V.

Ein wichtiger Bestandteil und Anlaufpunkt für die Veranstaltungsbranche, aber auch für Medien, Politik und Verwaltung, sind die teils in der und durch die Pandemie gegründeten Interessengemeinschaften und Bündnisse, wie beispielsweise die LiveMusikKommission LIVEKOMM auf Bundesebene, LISA – die Live Initiative Sachsen oder z.B. Hand in Hand Chemnitz geworden. Sie fungierten als Sprachrohr und Katalysator, gaben ihr Expertise weiter und machten auf Bedarfe und Defizite aufmerksam. Dies wurde auf vielen Seiten wohlwollend genutzt. Und das obgleich ihre Arbeit fast ausschließlich ehrenamtlicher Natur war und ist. Die Vertreter:innen erleben zudem gerade eine Doppelbelastung: Aus der Szene heraus organisiert, haben sie ihr Tagesgeschäft sowie die Interessens- und Lobbyarbeit auf dem Tisch. Damit diese wichtige Arbeit auch künftig geleistet werden kann, sollte über gangbare Strukturen nachgedacht werden, die über eine Ehrenamtspauschale hinausgehen und das Engagement in der Verbandsarbeit weniger prekär erscheinen lässt.

Des weiteren sollte die gesamte Musikinfrastruktur in Sachsen weiter gestärkt werden. Die aktuell laufenden Projekte “Branchenfokus Popularmusik” bei KREATIVES SACHSEN und “POP IMPULS” beim Landesverband Kultur- und Kreativwirtschaft Sachsen e.V. sind essentielle Schritte in der Stärkung des Teilmarkt Musik und bedürfen einer Verstetigung. Dies wird nicht zuletzt von den Akteur:innen selbst gefordert: In einer in ganz Sachsen durchgeführten Umfrage von POP IMPULS gaben fast ein Drittel der über 100 Befragten an, dass sie ihr Bundesland verlassen würden, um sich anderenorts mit Unterstützung eines “Popbüros” besser weiter professionalisieren zu können. Knapp 50% bemängeln den fehlenden Austausch innerhalb der Branche und wünschen sich mehr gezielte Netzwerkveranstaltungen.

Schlusswort

Die vielfältige Berichterstattung in bundesweiten Medien beweist die Tragweite des Themas. Auch in einer jüngst verfassten Masterarbeit eines Studierenden der HTWK Leipzig wurden die Folgen der Corona-Pandemie sowie die sich aktuell entwickelnde Wirtschaftslage eingehend untersucht. Um den Fortbestand dieses wichtigen Wirtschafts- und Kulturzweiges und die kulturelle Vielfalt in Sachsen sicherzustellen und für die Zukunft zu wappnen, ist es ratsam, mit hiesigen Initiativen und Kulturverbänden im Dialog zu bleiben, so wie es bereits im “Corona-Lagebericht zur Musikwirtschaft Sachsen 2021” von KREATIVES SACHSEN umrissen wurde. So kann gezielter an Lösungen für aktuelle Problemstellungen gearbeitet werden.

Ferner sollten Kulturschaffende in der (Live-)Musikbranche und Veranstalter:innen in dieser Lage weiter finanziell unterstützt werden, um die skizzierten Folgen abzumildern. Die Einrichtung von Sonder-Etats für Betriebskosten, aber auch schnelle Genehmigungsverfahren für energieeffiziente und ökologische Lösungen in Kulturbetrieben könnten hier beispielsweise hilfreich sein.