Die Inter­view­reihe #flächen­glühen stellt regel­mäßig Krea­tiv­schaf­fende aus städ­ti­schen und länd­li­chen Räumen Sach­sens vor. Erfragt werden Grün­dungs­in­ten­sionen, Unter­neh­mens­phi­lo­so­phien sowie Heraus­for­de­rungen und Chancen aus der Innen­per­spek­tive.

Dieses Mal steht Rayk Grieger im Mittel­punkt des Inter­views. Einer, der das kultu­relle Erbe sichert, an Tradi­tionen denkt und trotzdem nach vorne, nach­haltig und visionär agieren kann. Ein langes, aber sehr inten­sives Gespräch:

Guten Tag, Rayk Grieger. Wir treffen uns hier im wieder neu eröff­neten Jacobs Söhne in der Jacob­straße. Warum denn gerade hier? Was oder wer verbindet Dich denn mit dieser Loka­lität?

Ich fühle mich schlichtweg wohl hier. Das Jacobs Söhne ist ein Format, welches ich in Görlitz immer vermisst habe. Es verkör­pert für mich das, was ich unter anderem unter krea­tiv­wirt­schaft­li­chem Denken verstehe und das aufzeigt, welche Möglich­keiten sich durch alter­na­tive Wege und Denk­mo­delle ergeben können. Das Café zeigt ganz plas­tisch und real auf, wie sich aus Notlagen, zum Beispiel: wie und wo bekomme ich günstig Raum, ohne gleich als Exis­tenz­gründer von den eigenen Neben­kosten über­rollt zu werden und dem Leer­stand von Häusern auf der anderen Seite, Gutes entwi­ckelt. Es zeigt wie sich ein symbio­ti­sches Modell zwischen dem, der braucht und dem, der hat, entwi­ckeln und reali­sieren kann. Schluss­end­lich geht es um ein nach­hal­tiges und ausge­wo­genes wirt­schaft­li­ches Gleich­ge­wicht. Dazu muss man sich für neue Wege öffnen und vertrauen lernen. Das ist hier gerade auch in Kombi­na­tion mit dem Laden nebenan sehr gut gelungen. Zudem hat es den vorher eher tristen Stra­ßenzug unheim­lich belebt.

Und wie wirkt sich diese krea­tive Philo­so­phie aus?

Mitt­ler­weile gibt es auch schon neue Laden­kon­zepte, die sich hier ange­sie­delt haben und weitere Ideen, die Straße zu beleben sind in Planung. Es ist für mich eine neue Art der Entwick­lung in der Stadt. Es ist schön zu erleben wie Kommu­ni­ka­tion über die Straße hinweg statt­findet, wo junge Menschen sind, die es ja angeb­lich in Görlitz nicht gibt, was übri­gens völliger Blöd­sinn ist. Und eben diese jungen Menschen bilden nun mit ihren Ideen wiederum neue Platt­formen und eine Attrak­ti­vität für weitere junge Menschen. Es sind Menschen, die zu dieser Stadt stehen, die das Poten­tial, das die Stadt hat, erkannt haben und die Zukunft gestalten wollen. Viel­leicht entwi­ckelt es sich hier alles nicht so schnell wie in den Metro­polen, aber das muss es auch nicht. Wenn man sich auf den Rhythmus der Stadt einlässt, hat eine gewisse Gedie­gen­heit auch ihre Qualität. Grund­sätz­lich ist es ein nicht ganz unwe­sent­li­cher Teil von moderner Stadt­ent­wick­lung.

Also ist Görlitz ein guter Ort um frei zu arbeiten? Beson­ders hier das Umfeld in der Jacob­straße?

Ja, wenn ich im Atelier oder am Rechner arbeite, dann kann ich für den kleinen Hunger hier schnell rumkommen. Außerdem bekomme ich hier einfach gutes Essen, das auch meiner Über­zeu­gung entspricht. Zudem kennt man sich hier, die Stadt ist ja dafür sehr über­sicht­lich geschaffen. Ein wenig Essen, ein wenig Plau­dern und dann entspannt zurück zur Arbeit. Das hat auch etwas mit Lebens­qua­lität zu tun und zudem werde ich durch diese Atmo­sphäre hier auch für eigene Ideen immer wieder inspi­riert.

Ich weiß, dass Du anfangs einen Real­schul­ab­schluss hattest. Jetzt hast Du ein Diplom in Restau­rie­rung. Kannst Du uns etwas über Deinen Bildungsweg erzählen?

Das stimmt. Ich habe 1995 meinen Real­schul­ab­schluss gemacht und da ich mich schon immer mit krea­tiven Dingen beschäf­tigt hatte, wollte ich eigent­lich in die Werbung, was aber im Osten und gerade in der kleinen Klit­sche, wo ich aufge­wachsen bin, für diese Zeit eher aussichtslos war. Also folgte ich den Empfeh­lungen des Arbeits­ver­mitt­lers für Lehr­stellen und begann eine Lehre als Maler und Lackierer. Da ich mit der Ausbil­dung aufgrund von Unter­for­de­rung eher unzu­frieden war, über­legte ich, wie ich darauf aufbauen und mich weiter­ent­wi­ckeln kann. Ich begann, über die Restau­rie­rung nach­zu­denken. Dafür gab es zwei Möglich­keiten, einmal auf der hand­werk­li­chen Ebene oder eben über das Studium. Und da ich Freunde hatte, die schon studierten und ich das auch irgendwie aufre­gend fand, kam für mich nur das Studieren in Frage. Dafür musste aber ein Abitur her. Also habe ich meine Fach­hoch­schul­reife für Gestal­tung in Dresden nach­ge­holt. Was aber für einen Studi­en­platz immer noch nicht reichte, denn um Restau­rie­rung studieren zu können, bedarf es der Erfül­lung so einiger Krite­rien.

Kannst Du da bitte etwas genauer werden?

Erste Grund­vor­aus­set­zung war: es musste erst mal ein zwei­jäh­riges Vorprak­tikum her, das ich bei zwei Restau­ra­toren in Dresden absol­vierte. Dazu kam noch die Einrei­chung einer sehr komplexen Zeichen­mappe an der Hoch­schule, die dann bewertet und erst mit deren Bestehen man zum Aufnah­me­test einge­laden wurde (je nach Studi­enort 1–3 Tage). Hat man dann bestanden, musste man sich dann noch gegen die horrende Zahl von Mitbe­wer­bern  durch­setzen. Wenn man sich also gut ange­stellt und dann noch etwas Glück hatte, wurde man aufge­nommen. Ich hatte wohl von beiden etwas und ging nach Erfurt.

Viel­fach zeigt sich jedoch, dass die — gerade an Deinem Beispiel zu sehende — Durch­läs­sig­keit nicht so funk­tio­niert. Viele spre­chen gar, aus Erfah­rung, von Beton­de­cken zwischen den Bildungs­ab­schluss-Milieus. Was hat bei Dir so gut geklappt? Welche Vorteile hattest Du?

Ich bin jeden Schritt zum nächst­hö­heren Ausbil­dungs­grad durch­laufen, die ganze Tippel­tap­pel­tour. So konnte ich auf jeder Ebene Erfah­rungen sammeln, auf die ich immer wieder zurück­greifen kann. Das hilft sehr dabei, aus verschie­denen Perspek­tiven Situa­tionen auch reflek­tieren zu können. Ich bin dadurch sehr offen allem gegen­über. Es ist mir wichtig, mir nicht nur einen Begriff über das Detail zu machen. In meinem Beruf geht es – meiner Meinung nach — ja meist um eine ganz­heit­liche Betrach­tung.

Du sagtest einmal: “Ich hatte das Glück, dass mein Umfeld immer schon einen Schritt weiter war als ich.” Wie meinst Du das?

Es ist wohl eine Zusam­men­spiel von Vielem. Und viel­leicht auch ganz simpel, für mich jeden­falls sehr beson­ders. Das Verblüf­fende ist ja, dass dieses Umfeld einfach immer da war, ohne dass ich es suchen musste. In der Schul- und Lehr­zeit hatte ich Freunde auf dem Gymna­sium. Das hatte eine posi­tive Wirkung auf mich, den Schritt zu machen, das Abitur nach­zu­holen und den Mut aufzu­bringen, meinen Weg zu gehen, was ja nicht selbst­ver­ständ­lich ist. Außerdem gab es Menschen, die mir wohl etwas mehr zuge­traut haben. Mir einfach, in dem für sie mögli­chen Rahmen, den Raum gegeben haben, mich weiter zu entwi­ckeln. Sehr früh war das mein Berufs­schul­lehrer. Während die anderen noch rech­neten, hat er mich einfach raus geschickt, um zu zeichnen. Ein großer Schub kam mit dem Abitur. Wir waren alters­mäßig ein gut durch­mischter Haufen aus unter­schied­li­chen Berufen mit künst­le­ri­schen Grund­lagen und krea­tiven Ideen. Das war toll. So ein kompri­miertes Umfeld von Krea­tiven kannte ich bis dahin aus meiner Heimat in dieser Form nicht. Und in den unter­schied­li­chen beruf­li­chen Ausbil­dungen und Alters­klassen gab es eben auch unter­schied­liche Erfah­rungs­ni­veaus, aus denen man schöpfen konnte.

Wie äußerte sich das denn bei Dir persön­lich, in Deiner Entwick­lung?

Es entstand für mich ein neues Bewusst­sein und ich kam zwangs­läufig mit alter­na­tiven Auffas­sungen in Berüh­rung, was meine bis dahin eher konser­va­tive und naive, gutbür­ger­liche Haltung grund­sätz­lich aufbrach. Während des Vorprak­ti­kums wurde ich durch die Restau­ra­toren sehr gut geför­dert, indem sie sich auch Zeit für mich als Person nahmen. Zudem kam die Erfah­rung, dass es möglich ist, zwischen dem Status Prak­ti­kant und dem Chef, basie­rend auf gegen­sei­tigem Respekt und Wert­schät­zung, ein gutes und enges Arbeits­ver­hältnis auf zwischen­mensch­li­chen Werten aufzu­bauen. Diese Erfah­rung blieb mir in der Lehre leider völlig verwehrt. Was auch aufzeigt, welcher Anspruch damals in Stan­dart­aus­bil­dungs­be­trieben vorherrschte. Beob­achtet man jetzige Ausbil­dungs­stätten, so besinnt man sich in den letzten Jahren zum Glück wieder etwas auf mehr Werte und Inhalte.

Wie muss ich mir Deinen Arbeits­ab­lauf vorstellen? Wieviel Büro­kratie und wieviel prak­ti­sche Restau­rie­rung? Was machst Du eigent­lich als Restau­rator ganz genau?

Ich bin spezia­li­siert auf die Konser­vie­rung und Restau­rie­rung von Wand­ma­le­reien und Archi­tek­tur­ober­flä­chen und somit stark in der Baudenk­mal­pflege einge­bettet. Meine Auftrag­geber sind private, öffent­liche und kirch­liche Bauherren. Neben den archi­tek­tur­ge­bun­denen Projekten können aber auch trans­por­table Objekte aus Museen und Ausstel­lung im Atelier bear­beitet werden.

Grund­sätz­lich geht es darum, Kunst- und Kulturgut zu erhalten und für die Zukunft zu sichern, also zu konser­vieren. Darauf aufbauend kommen die restau­ra­to­ri­schen Aspekte, also kurz wie man im ästhe­ti­schen Sinn das Kunst- oder Kulturgut in sein Umfeld wieder einbettet.

Wobei sich in den letzten Jahren immer mehr heraus­kris­tal­li­sierte, dass ich vermehrt in der Grund­la­gen­er­mitt­lung und der Bestands­auf­nahme tätig war und damit beschäf­tigt bin, Gebäude auf ihre bauhis­to­ri­schen Zusam­men­hänge und kultur­his­to­ri­schen Beson­der­heiten zu unter­su­chen. Aus den Ergeb­nissen erar­beite ich dann denk­mal­pfle­ge­ri­sche, konser­va­to­ri­sche und restau­ra­to­ri­sche Konzepte und begleite die Projekte dann teil­weise auch fach­lich in der Umset­zungs­phase.

Die Büro­kratie hält sich mitt­ler­weile nach fast zwölf Jahren in Grenzen, es hat sich weitest­ge­hend einge­schug­gelt und ist über­schaubar. Ich habe von Anfang an auf ein gutes Steu­er­büro gesetzt, das mich nicht nur als Stan­dart­un­ter­nehmen sieht. Diesen für mich immer noch abstrakten Part vertrau­ens­voll abzu­geben, kann ich nur jedem Exis­tenz­gründer wärms­tens empfehlen. Es bleibt somit genug Zeit, mich auf das Wesent­liche zu konzen­trieren.

Du bist ja auch gut vernetzt, bist Mitglied im VDR (Verband der Restau­ra­toren), bei den Wirt­schafts­ju­nioren (WJ) und hast gute Kontakte zum Krea­tiven Sachsen (KS). Wie parti­zi­pierst Du von den Ange­boten der Orga­ni­sa­tionen?

Bei dem VDR handelt es sich um meinen Berufs­ver­band. Dieser ist somit meine einzige und auch sehr wich­tige Platt­form zur Ausübung meines Berufs. Bei den WJ und KS geht es um den Austausch, um die Kommu­ni­ka­tion mit inter­es­santen Menschen, die eben die glei­chen Themen bewegen, durch ihre beruf­li­chen Situa­tion oder auch privat. Ich meine, wir reden ja meist über den Beruf. Ich bin ja nun aber auch Vater. Und hier finden sich auch zum größten Teil junge Mütter und Väter. Also ein wich­tiges gemein­sames Thema, in einem Lebens­ab­schnitt, dessen Kommu­ni­ka­tion über Beruf und Familie mir äußerst wichtig und sinn­voll erscheint. Es geht natür­lich auch darum, Stim­mungen und Strö­mungen aufzu­nehmen, Erfah­rungen auszu­tau­schen und im besten Falle selbst Impulse zu setzen. Das Netz­werken hat ja etwas von geben und nehmen. Mit dem, was man mitnimmt, können neue Betrach­tungs­weisen und Ideen entstehen. Und wenn man dann wieder etwas zurück­geben kann, dann ist das doch schon einmal was Schönes. Kurzum es berei­chert mein Leben.

Görlitz ist ja die Stadt an der Grenze — spielt das Mitein­ander mit der polni­schen Seite in Deinem Arbeits- und Privat­leben eigent­lich eine Rolle?

Natür­lich. Es spielt eine große Rolle. Wenn man hier lebt, kann man sich die polni­sche Seite nicht einfach wegdenken. Ich habe im engen Umfeld polni­sche Freunde, die in Görlitz leben. Auch mal einen Auftrag­geber. Momentan das Haus Oppen­heim in Wroclaw/Breslau. Eine Erfah­rung, die mich gegen­wärtig unheim­lich berei­chert. Beruf­lich geht es gar nicht anders. Wenn man mit Bau- und Kultur­ge­schichte zu tun hat, ist man allein schon aus den histo­ri­schen Bege­ben­heiten dieser Region ange­halten, über die Grenzen zu schauen. Und das ist unheim­lich span­nend.

Und die Destruk­tiven? Es gibt ja auch Gegen­wind.

Zur destruk­tiven Einstel­lung können durchaus auch mal Bauherren neigen. Da die Denk­mal­pflege immer sofort mit Mehr­kosten gleich­ge­setzt wird, mit denen man als Bauherr durchaus konfron­tiert wird. In welchem Umfang das passiert, hängt vom Status des Denk­mals und von den Sanie­rungs­ein­griffen ab. Meine Erfah­rungen zeigen mir, dass es wichtig ist, von Anfang an in eine offene Kommu­ni­ka­tion zu gehen und auf die rich­tigen Partner für die Vorpla­nung zu setzen. Der etwas höhere zeit­liche und finan­zi­elle Aufwand in dieser Start­phase kann sich dann in der Ausfüh­rungs­si­tua­tion aufgrund von gut durch­dachten Lösungen wieder positiv bemerkbar machen. Auch ist es möglich, hier schon im Vorfeld eine Auswahl an Förder­pro­grammen zu treffen, mit denen man den denk­mal­pfle­ge­ri­schen Mehr­auf­wand, neben den allge­meinen Sanie­rungs­kosten, abfangen kann. Bei den Projekten, in die ich bisher einge­bunden war, gab es immer gute Lösungen.

Ein paar Gedanken von Dir zu den Förder­struk­turen in Sachsen. Wie erlebst Du diese? Welche Verbes­se­rungen sind aus Deiner Sicht unbe­dingt zu gestalten?

Im beruf­li­chen Feld habe ich oft mit Förder­pro­grammen für die Reali­sie­rung von Projekten zu tun. Der Frei­staat Sachsen stellt jedes Jahr ein nicht unwe­sent­li­ches Budget für den Denk­mal­schutz zur Verfü­gung, was ich sehr schätze und was auch eine wich­tige Inves­ti­tion in den Frei­staat ist. Leider sind diese Mittel in den letzten Jahren stetig zurück­ge­gangen und nun mitt­ler­weile an einem Tief­punkt ange­kommen, der uns die Hände bindet. Und dann kommt es immer wieder zu Diskus­sionen, die Mittel ganz einzu­stellen, gerade eben erst wieder letztes Jahr. Zum Glück hat man sich besonnen. Hier wünschte ich mir durch den Frei­staat wieder mehr Inves­ti­ti­ons­kraft für den Erhalt des kultu­rellen Erbes. Diese finan­zi­elle Unter­stüt­zung dient oft gerade als der Moti­va­ti­ons­faktor, durch entspre­chende Förde­rungen Bauherren den Mut zu geben, in Denk­mäler zu inves­tieren.

Braucht es denn diese Moti­va­tion? Es gibt doch ein Denk­mal­schutz­ge­setz.

Der Erhalt dieses Erbes ist nicht als Luxus zu verstehen, es ist eine gemein­same gesell­schaft­liche Pflicht. Mit dieser Verant­wor­tung umzu­gehen trägt ja dann auch zu einer wirt­schaft­li­chen Entwick­lung bei. Der Erhalt von Baukultur, gerade dort wo sie auch flächen­de­ckend noch vorhanden ist, gepaart mit Tradi­tionen, Sitten und Bräu­chen, ist für manche entle­genen Regionen eine wich­tige wirt­schaft­liche Grund­lage — gerade im touris­ti­schen Bereich —  und wirkt iden­ti­täts­stif­tend. Auch fördert man ja nicht nur die Bauherren, sondern man inves­tiert in einen wirt­schaft­li­chen Kreis­lauf und stabilen Arbeits­markt. Sehr viele Berufe sind mit dem Spezi­al­ge­biet Denk­mal­schutz und dessen Umset­zung von Projekten finan­ziell verbunden, ange­fangen von Hand­wer­kern über Inge­nieure, bis hin zum Druck­studio für die touris­ti­sche Vermark­tung. Besten­falls inves­tieren diese Unter­nehmen dann wieder in ihre Heimat; in der einfachsten Situa­tion beim Bäcker um die Ecke, bei dem sie wieder ihre Bröt­chen kaufen.

Was wünschst Du Dir konkret von den staat­li­chen Stellen?

Im formellen Ablauf wünschte ich mir, dass besser auf die Bauherren und vor allem flexi­bler und prak­ti­scher auf die Bausi­tua­tionen einge­gangen wird. Ich erlebe es, dass Förder­mittel im Oktober ausge­schüttet werden, die zum Beispiel für die Außen­haut eines Gebäudes vorge­sehen sind. Jedoch kommt man am Ende des Jahres schon jahres­zei­ten­be­dingt mit Umset­zungen an seine Grenzen. Da hat man dann zwar das Geld, aber kann nicht bauen, weil es viel­leicht schon zu kalt werden könnte, geschweige denn, dass Hand­werker sofort Gewehr bei Fuß stehen. Abge­rechnet werden muss jedoch bis Ende des Jahres, damit die Förder­gelder nicht verfallen. Diese Stress­si­tua­tion für Bauherren, Hand­werker und das Gebäude selbst, das muss einfach nicht sein. Ich glaube, das geht auch anders und besser zu lösen. Aktuell mach ich die Erfah­rung, dass zwei hoch­gra­dige Denk­mäler noch nicht einmal in die übli­chen Sanie­rungs­pro­gramme fallen, da diese weder dem länd­li­chen noch dem städ­ti­schen Raum zuge­ordnet werden. Die Inves­toren sind also schon stand­ort­be­dingt von Grund auf völlig benach­tei­ligt. Hier sind wir als Denk­mal­pfleger in der Pflicht, darauf aufmerksam zu machen, denn für diesen Sonder­fall muss unbe­dingt eine Förder­struktur her. Es wäre also durchaus ange­bracht, nach den Erfah­rungen aus den vielen Jahren, mal über ein System­up­date nach­zu­denken.

Wie siehst Du die weitere Entwick­lung?

Man darf ja davon ausgehen, dass sich auf dem Arbeits­markt einiges verän­dern wird, alleine schon aus dem demo­gra­fi­schen Wandel heraus und zukünftig durch die Digi­ta­li­sie­rung. Es gibt jetzt schon Moti­va­tionen, bei denen es nicht mehr ledig­lich um einen konkreten Beruf geht, sondern um Beru­fungen, also gerade im frei­be­ruf­li­chen Sektor. Dass man sich viel flexi­bler mit seinem Können aufstellt und dass man sich nicht nur auf einen einst erlernten und defi­nierten Beruf beschränkt. Auf den allge­meinen Wandel und die neuen Trends muss aber auch poli­tisch regiert werden. Hier grund­sätz­lich gemeinsam bessere oder neue Modelle zu entwi­ckeln, dafür wäre jetzt die rich­tige Zeit. Gerade auch heute, wo sich nach­weisbar die reifere Genera­tion zu großen Teilen ledig­lich nur noch bemüht, den Renten­ein­tritt zu errei­chen. Wir – also meine Genera­tion — haben noch die nächsten 30 Jahre vor uns. Ich kann mir vorstellen, dass die Problem­stel­lungen dann weitaus komplexer werden.

Was wir noch über­haupt nicht bespro­chen haben ist Deine Akquise. Wie muss ich mir das vorstellen bei einem Diplom-Restau­rator Rayk Grieger? Wie kommt ein inter­es­sierter Baumensch auf Dich zu?

Als Diplom-Restau­ra­toren sind wir hoch­spe­zia­li­siert. In der Regel sucht man uns dann, wenn wir gebraucht werden. Die Werbe­me­dien spielen da, jeden­falls bei mir, kaum eine Rolle. Es gibt Listen, in denen die Diplom-Restau­ra­toren regis­triert sind. Wenn jemand einen Diplom-Restau­rator braucht, so fragt er bei den entspre­chenden Einrich­tungen nach und bekommt die Liste. Dort sucht er sich dann, je nach benö­tigten Spezi­al­ge­biet, einen Diplom-Restau­rator aus und fragt diesen direkt nach seiner Fach­kunde oder holt sich mehrere Ange­bote ein. Dann läuft es wie im normalen Wett­be­werb. Wenn einem dann die Situa­tion noch hold ist, ist man drin im Boot.

Ich denke, die wissen­schaft­liche und öffent­lich wirk­same Ausstrah­lung, die unsere Arbeit ohnehin umgibt, hilft hier mehr, als Person an sich und als Berufs­gruppe wahr­ge­nommen zu werden. Diplom-Restau­ra­toren präsen­tieren sich mit wissen­schaft­li­chen Publi­ka­tionen in Fach­zeit­schriften oder verfassen auch mal ganze Bücher. Weiterhin findet man die Diplom-Restau­ra­toren bei Führungen durch Objekte oder sie stellen selbst Projekte in ihren Werk­stätten und Ateliers öffent­lich vor. Meis­tens an wich­tigen Tagen wie „Tag der offenen Sanie­rungstür“ oder „Tag des offen Denk­mals“. Gerade dieses Jahr, 2018 ist ja euro­päi­sches Kultur­er­be­jahr , werden Diplom-Restau­ra­toren mehr in der Öffent­lich­keit stehen. Die aller zwei Jahre statt­fin­dende Denk­mal­messe ist auch eine wich­tige Kommu­ni­ka­ti­ons­platt­form. Nebenbei begleiten die Diplom-Restau­ra­toren auch wich­tige Ehren­ämter und sind als Ratgeber viel gefragt.

Görlitz ist zwar Stadt, liegt jedoch – von Dresden, Leipzig und Chem­nitz aus gesehen – im länd­li­chen Raum. Ist der länd­liche Raum mehr Chance oder Hindernis für Deine Arbeit? Geht Vernet­zung außer­halb von Görlitz in den klei­neren Orten?

Wie gesagt, durch die Listen in den Behörden und Einrich­tungen ist es egal, ob Stadt oder Land, die Situa­tion ist die gleiche. Ich sag mal so, dadurch, dass Görlitz sehr über­sicht­lich ist, bleibt man hier länger in Erin­ne­rung und versinkt nicht sofort wieder in der Anony­mität der Groß­städte. Das gilt auch für die länd­liche Umge­bung.

Der Inter­na­tio­na­li­sie­rungs­ge­danke ist gerade in der Wirt­schaft ein guter, sehr wirk­samer Weg, begrenzte Krisen zu umschiffen. Wie ist das bei Dir? Wie inter­na­tional arbei­test Du? Neben Polen gibt es ja auch andere Länder. Treibt es Dich mit Deiner Arbeit über Grenzen?

Wenn ich gefragt werde, würde ich erst mal nicht nein sagen. Inter­na­tio­nale Projekte berei­chern einen persön­lich unge­mein. Sie tragen ja auch zum besseren Verständnis unter­ein­ander bei. Es ist immer wieder inter­es­sant zu beob­achten, dass auf dieser Ebene alle sich unter­ein­ander respek­tieren und gut verstehen, sich kolle­giale Verbin­dungen aufbauen und Freund­schaften entstehen. Man fragt sich dann immer, was die Politik da so macht.

Ich persön­lich versuche jedoch, nicht ganz so weit in der Welt­ge­schichte herum zu arbeiten. Inter­na­tio­nale Projekte bedeuten oft ja auch, von Frau und Kind getrennt zu sein. In meinem Beruf ist man ohnehin viel unter­wegs. Ich kann die Gebäude ja nicht mit nach Hause nehmen. Dennoch ist es mir wichtig, so viel und so oft in der Region Arbeit zu finden, gerade jetzt, solange mein Kind einfach auch beide Eltern­teile im tägli­chen Umfeld braucht. In der heutigen, expan­die­renden Wirt­schaft und Gesell­schaft ist es  ja für viele Unter­nehmer und Arbeit­nehmer leider schon ein Luxus geworden, tagtäg­lich auch zu Hause zu sein.

Woran arbei­test Du am Liebsten? Es gibt ja bei jeder Beschäf­ti­gung Herzensthemen, denke ich mal.

Neben dem, dass ich schon so einige Projekte restau­riert habe, finde ich mich in den letzten Jahren immer wieder in der Grund­la­gen­er­mitt­lung, also dem Erfor­schen von Baudenk­malen und Archi­tek­tur­ober­flä­chen wieder. Ich schreibe Konzepte zu den denk­mal­pfle­ge­ri­schen Heran­ge­hens­weisen, gebe fach­liche Empfeh­lungen und baue Förder­ku­lissen mit auf.

In dieser Vorstufe aller prak­ti­schen Arbeit fühle ich mich sehr wohl. In den letzten Jahren kam dann das gestei­gerte Inter­esse an der Archi­tek­tur­mo­derne des letzten Jahr­hun­derts und die Indus­trie­ar­chi­tektur hinzu. Kombi­niert mit Gesell­schaft- und Stadt­ent­wick­lung ist das ein sehr span­nendes Themen­ge­biet.

Gibt es unter­neh­me­ri­sche Ziele? Willst Du expan­dieren? Größer werden? Oder treibt Dich die Maxi­mie­rung über­haupt nicht an? Erzähle mal bitte…

Ziel ist grund­sätz­lich, nicht stehen zu bleiben. Was die Unter­neh­mens­struktur an sich angeht, so habe ich nicht vor, diese in abseh­barer Zeit zu ändern. Ich passe lieber die Arbeits­weise dyna­misch der Situa­tion an. Viele Aufgaben kann ich allein bewerk­stel­ligen. Bei größeren Projekten baue ich mir dann ein Team zusammen. Ich bin aber auch immer wieder gern ein Teil eines Teams, wenn andere Kollegen mich brau­chen.

Erst mal schauen, wo sich Europa und die Welt so hin entwi­ckeln, dann kann man immer noch darüber nach­denken, ob und wie man sich vergrö­ßert. Immer mit der Ruhe.

Danke Rayk, für Deine Antworten.

Weitere Infor­ma­tionen zu Rayk Grieger.